Wozu Deutsch?

 

Was jemand sagt und was jemand meint, sind oft zweierlei Dinge; und ob jemand, wenn er etwas sagt, auch sagt, was er meint, ist nicht immer sicher.

Was immer jemand jemanden sagen hört und was er meint, dass der andere meint, kann wiederum etwas ganz anderes sein, als tatsächlich gemeint ist.

Wenn nun zwei Menschen hören, was ein dritter Mensch sagt, kann es sein, dass das, was sie meinen verstanden zu haben, sehr verschieden ist und sich auch von dem, was eigentlich gemeint war, unterscheidet.

Lauschen nun fünfzig Menschen einem einzigen Redner, so können bis zu einundfünfzig unterschiedliche Meinungen über das Gesagte entstehen, gesetzt den Fall, der Redner selbst meint wirklich etwas.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass unsere Welt und unsere Gesellschaft sich hauptsächlich über Sprache und Sprechen organisiert, so zeigen uns diese Ausführungen, dass der Deutschunterricht das Schulfach ist, das unsere Welt erst so recht im Innersten zusammenhält. Nicht, dass man hier lernt, welche Meinung zu welchem Gesagten nun die richtige ist, vielmehr geht es um den Drahtseilakt, unter den vielen Stimmen die herauszudestillieren, die man zumindest vorerst mit wohlüberlegten Gründen für die richtige halten möchte. Darüber hinaus tritt man über Lyrik, Drama, Kurzgeschichte, Essay und Roman in ein Gespräch ein, das von der Antike bis heute innerhalb eines endlos großen Kreises von Diskutanten geführt und niemals abgeschlossen sein wird.

Im Deutschunterricht lernen unsere Schülerinnen und Schüler verstehen, welcher Kosmos an Bedeutungen allein hinter einem einzigen Satz stehen kann. Sie lernen unterscheiden zwischen dem russischen Bären, der durch die Taiga trabt und jenem, der durch die Zeitungskommentare trottet, genauso wie sie lernen werden, dass Rilkes Gedicht „Der Panther“ zwar von einem Panther handelt, es darin aber nicht notgedrungen auch um einen Panther geht. Wer in der fünften Klasse gelernt hat, dass es zwischen Fuchs und Rabe, die sich in Lafontaines Fabel gegenseitig um den Käse betrügen, gar nicht um diesen Käse oder überhaupt ums Essen geht, wird später mit diesem detektivischen Spürsinn auch die politische Rede und den entsprechenden Zeitungskommentar auf seine eigentliche Aussageabsicht hin untersuchen können. Und nicht zuletzt wird ihm das Tor zu einem endlosen Babel literarischer Stimmen aufgestoßen, die erst durch das verstehende und aufmerksame Lesen im Kopf und im Herzen des Betrachters zu einem stimmigen und wohltönenden Choral werden können.

Liebe Schülerinnen und Schüler: Wer zwölf Jahre Deutschunterricht am Elly gehabt hat, weiß dann auch, wie er vorliegenden Text zu deuten und zu verstehen hat.

Deshalb Deutsch!

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