Wer hätte gedacht, dass in den letzten zwei Schulwochen vor den Sommerferien und bei 34°C Grad im Schatten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10a noch zu solch kreativen Schreibergüssen im Stande wären? Zu Beginn wohl kaum jemand. Doch die Mühe der letzten Schulstunden hat sich gelohnt.
Einige wirklich gelungene Kurzgeschichten unter anderem zu den Themen Liebe, Drogen, Vertrauen und Freundschaft entstanden und gingen in einer abschließenden Leserunde an den Wettbewerbsstart.
Gewonnen haben schließlich die Kurzgeschichte "Der Birnbaum" von Daniel Hansen und die Kurzgeschichte von Connor Roß, die sowohl inhaltlich als auch sprachlich überzeugten.
Gratulation!
Meike Ciapura

Warum musste er gerade jetzt draußen sein? Rasenmähen. Verdammter Lärm. Eigentlich wollte sie ihre Blumen gießen: Lilien, Rosen, Orchideen. Aber solange er da draußen war… Unmöglich. Allein schon sein Anblick reichte, um in ihr all die verdrängten Gefühle wieder wachzurufen. Schmerz, Ärger… und Schuldgefühle. Sie sah den alten Streit wieder vor sich. Die Wut wallte heiß in ihr auf. Er hatte sie angebrüllt! … Aber sie ihn auch.
Nicht aufschauen. Einfach weitermachen. Der Rasenmäher stotterte. Komm schon, dachte er und lehnte seinen ohnehin schon gebeugten Rücken noch weiter vor. Dann lief der Mäher wieder normal. Er schaute stur geradeaus. Sie stand am Fenster und beobachtete ihn, das war klar. Aber er wollte nicht aufschauen, wollte das inzwischen vertraute und doch fremde Gesicht nicht sehen. Wollte ihr nicht in die Augen sehen, in denen sich nur sein eigener großer Fehler widerspiegeln würde. Ein kurzer Blick zu der Stelle in ihrem Garten, wo einst der prächtige Birnbaum stand. Das reichte schon. Die Bilder und – vor allem – die schrecklichen Geräusche kamen wieder hoch. Das grässliche Krachen, das Quietschen… er versuchte alles zu verdrängen, schob es hinter eine Tür in seinem Geist und verschloss sie. Vielleicht würde das ja eine Weile helfen.
Er ging wieder ins Haus. Endlich, dachte sie, und machte sich selbst auf den Weg in ihren Garten. Sie vermied den Blick nach rechts, steuerte schnurgerade auf den Rosenstock zu. Gießkanne? Nein, doch lieber nicht. Das dauernde Hin- und Herlaufen zum Auffüllen tat ihren alten Knochen nicht gut. Besser mit Schlauch. Sie schloss ihn an und begann mit der täglichen Prozedur. Von ganz allein begannen ihre Augen im Garten umherzuwandern. Dann verweilten sie auf dem Baumstumpf. Verkrüppelt, knorrig, alt – wie sie selbst. Wie jedes Mal wurde sie von der Trauer überwältigt und Tränen stiegen ihr in die Augen. Vielleicht sollte sie endlich ihren Frieden mit der alten Geschichte machen. Aber nein, wenn sie auf ihren Nachbarn zugehen würde, würde es nur in einem weiteren Streit enden, der alte Narben wieder aufreißen würde.
Er schaute auf den Fernseher, schwarz-weiß, und doch sah er ihn nicht. Seine Gedanken waren in anderen Sphären. Er dachte an seine Nachbarin. Er dachte an die alte Geschichte. Zehn Jahre waren vergangen, und trotzdem war noch nichts vergessen. Und er hatte sich noch nicht einmal entschuldigt. Weder für das, was er getan hatte, noch für das, was er ihr in dem darauf folgenden Streit an den Kopf geworfen hatte. Sie würde ihm das nie verzeihen. Und deshalb würde er – und wohl auch sie – wohl in keiner Nacht mehr ohne Schlaftabletten einen ruhigen Schlaf genießen können.
Wie ein Magnet zog das verblichene Foto aus glücklicheren Zeiten ihre Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Mann beim Birnenernten. Vom eigenen Baum. Er hatte diesen Baum geliebt. Deshalb hatte sie die Urne mit seiner Asche auch darunter begraben. Und wie aus Solidarität war der Baum auch verkümmert und schließlich gestorben. Na ja, vermutlich hatte sie bloß eine Wurzel mit ihrem Spaten verletzt, dachte sie verbittert. Auf jeden Fall musste sie ihn bis auf den Stumpf absägen, hatte gedacht, damit hätte sie ihren Frieden gefunden. Allerdings war etwas dazu nötig, sie ihren Frieden finden zu lassen: Vergebung. Nur beruhte Vergebung auf Gegenseitigkeit, und ihr Nachbar würde ihr niemals vergeben, was sie nach den schrecklichen Geschehnissen zu ihm gesagt hatte.
Er blinzelte und sah sich um. War wohl kurz eingenickt, dachte er. Aber schon diese paar Minuten hatten für den allgegenwärtigen Alptraum gereicht. An sich wäre er ja nicht allzu schlimm gewesen, er hätte ihn ignorieren können – wenn er nur nicht wahr gewesen wäre. Wieder standen ihm die Bilder des Unfalls vor seinem inneren Auge. Die Blutspritzer auf der Autoscheibe. Das grauenvolle Knirschen, als sein Reifen über den Körper seines Nachbarn… Nein! Nicht daran denken, ermahnte er sich. Und gleichzeitig wurde ihm klar, was er die ganzen Jahre vor sich her geschoben hatte. Er konnte so nicht weitermachen. So würde er nie Ruhe und Frieden finden. Er stand auf, hörte seine Knochen knacken und verließ das Haus. Der Weg bis zum Haus seiner Nachbarin kam ihm vor wie die längste Wanderung, die er jemals unternommen hatte. Er würde sich entschuldigen. Oder es zumindest versuchen. Das war er ihr, ihm und auch sich selbst schuldig. Er schaute zu dem alten Baumstumpf hinüber und wusste, er tat das Richtige. Ein Lächeln legte sich über sein Gesicht, als er die letzten paar Schritte bis zur Tür zurücklegte. Er klingelte.
Quelle Bild:
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