Das Eigene, das Andere, das Vertraute, das Fremde
Das Projekt in der Klasse 5c begann im Februar 2009. Die erste Phase, in der sich die Kinder zu kleinen Gruppen zusammenfanden und Forscherfragen formulierten, die sie interessierten, fand ihren Abschluß in mehreren Diskussionsrunden, in denen die Kinder ihre Thesen den anderen Mitschülern präsentierten. Zentrale Frage wurde "Wie wichtig ist Musik für den Menschen?" Aber daneben gab es noch weitere, wie zum Beispiel "Was war das erste Musikinstrument?", "Welche Instrumente sind typisch für Volksmusik und warum?" oder "Hilft Musik bei der Konzentration?"
Um den Antworten näher zu rücken, suchten wir Wege, die uns helfen, die Forscherfragen zu beantworten. Zu diesem Zweck besuchte uns die russische Pianistin Margarita Volkova-Mendzelevskaya, die vor 15 Jahren nach Deutschland emigrierte und in Stuttgart lebt.
Sie war bereit, als "echte" Musikerin sich den Fragen der Klasse zu stellen. Sie stellte sich zunächst mit ihrem kyrillisch geschriebenen Namen vor, der gleich alle animierte, das Vertraute im fremden Buchstabenbild zu finden. Musikalisch präsentierte sie sich mit dem "Tirolischen Rondo" des russischen Komponisten Alexander Benditski. Die biographische Geschichte des Komponisten und seines Sohnes, der die Lateinvokabeln erst lernen wollte, wenn der Vater etwas komponiert hat, sprach die Kinder intensiv an. Die Eindrücke verarbeiteten sie in Zeichnungen der Pianistin, kurzen Texten zu dem Gehörten oder einer assoziativen bildlichen Umsetzung des gehörten Stückes. Zwei Gruppen führen eine Forschermappe, die sie liebevoll mit Artikel, Umfragen oder Bildern füllen.
In der zweiten Stunde stellte sich die Klasse Frau Volkova musikalisch vor, indem sie ein zweistimmiges Kosakenlied übte und vorsang. Das zweite Lied "Katjuscha" lag nur in Notenschrift mit kyrillischem Text vor. Hier gab Frau Volkova Informationen zur Bedeutung und Geschichte des Liedes. Sie half in Aussprache und Betonung der ungewohnten Wörter und Laute. Viele Schüler der Klasse mit osteuropäischem Emigrantenhintergrund entdeckten in dem russischen Text Worte ihrer Erstsprache wie "Birne", "Apfel", "hoch". Es setzte eine lebhafte Diskussion über diese Erscheinung ein, das aufgeregt glückliche Lachen der Kinder zeigte den Lerneffekt, wenn man im Fremden das Vertraute findet.
Außerhalb dessen beschäftigten sich zwei Schülerinnnen seit Anfang Juli 2009 besonders mit der Frage, welchen Stellenwert Musik für behinderte Menschen hat. Ein Besuch in der einer Sonderschule in Fellbach ließ das Ergebnis noch offen. Emotional sehr bewegt konnten die beiden darüber sprechen, aber nicht schreiben. Sie hatten unter anderem einen jungen Mann gesehen, der nicht für Sprache und Musik erreichbar war, was ihr Menschenbild in Frage stellte.
Im September werden wir eine zweiten Phase beginnen. In Baden-Württemberg wurden auf der Alb mehrere steinzeitliche Musikinstrumente gefunden, die im Alten Schloß in Stuttgart ausgestellt werden. In Zusammenarbeit mit dem Museumspädagogischen Dienst und einer Führung durch das Instrumentenmuseum "Fruchtkasten" wollen wir einigen der Fragen, die sich mit dem Ursprung des musizierenden Menschen beschäftigen, genauer auf den Grund gehen.
Nicole Böttcher