Was spielt sich hinter der Fassade des Mietshauses in der Immendorfer Straße 124 ab? Die Architektin des Hauses lässt uns in einem Großstadtstück über „Wohnen – Bauen – Denken“ am Leben zweier Familien teilhaben.
Die Mittel- und Oberstufentheater-AG des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums porträtiert in ihrem selbst geschriebenen Theaterstück typische Großstadtbewohner.
Links wohnt Familie Syrano – der Vorname des Vaters verrät die türkische Herkunft dieser Familie, die sich durch das Gehalt der Mutter über Wasser hält. Vater Cem ist eigentlich gelernter Koch (sein Ragout ist legendär), kann aber nicht in einer Großküche arbeiten. Seine Frau Ariana vertritt die Auffassung, er wolle gar nicht arbeiten. Nicht einmal die Kehrwoche hat er erledigt, obwohl er den ganzen Tag zu Hause ist. Diese Spannungen bekommt auch Tochter Sibel zu spüren, die sich allerdings eher zu ihrem Vater hingezogen fühlt, da der wenigstens mittags auch mal über einem Teller Spaghetti zum Reden da ist.
Zu reden gäbe es einiges bei den Syranos, jedoch findet
kaum echte Kommunikation statt. Sibel träumt davon, ihre Koffer zu packen und für eine gewisse Zeit wegzugehen. Am liebsten nach Amerika – ob West- oder Ostküste spielt dabei keine Rolle. Sie möchte nur möglichst weit weg. Ihre Mutter weiß von diesen Plänen nichts. Nicht einmal ihren Vater oder ihren Freund hat sie eingeweiht. Erst als Sibel die Zusage aus Kalifornien erhalten hat, rückt sie mit der Sprache raus und stellt ihre Mutter vor vollendete Tatsachen.
Auch in der mittleren Wohnung will die Kommunikation nicht so recht klappen: Die Architektin beschreibt Hubertus und seine Mutter Klara Häberle als ein Paar aus einem Theaterstück, das sich immer wieder denselben Text aufsagt. Die Gruppe hat dies dramaturgisch geschickt umgesetzt, indem ganze Textpassagen zweifach gesprochen werden. Klara Häberle, die Eigentümerin des Mehrfamilienhauses in der Immendorfer Straße, weiß, wie sie auch nach dem Tod ihres Gatten die Fäden geschickt in der Hand behält. Sie kümmert sich eben. Am liebsten kümmert sie sich um die Belange ihres Sohnes Hubertus, der dabei nicht
viel zu lachen geschweige denn zu sagen hat. Auch mit ihrer Schwiegertochter Birgit, der Baumschützerin, hat Klara sich gut arrangiert, obwohl diese „ihrem Hubertus, dem aufstrebenden Akademiker, ein Kind untergeschoben hat“, so Klara. Dieses Kind, Julian, ist mittlerweile 17 Jahre alt und in Sibel aus der Nachbarwohnung verliebt. Seine Gefühle kann er nur mithilfe von Erich Frieds Gedicht „Was es ist“ ausdrücken. Als Sibel sich letzten Endes für ihre Zukunft in Amerika entscheidet, bleibt er sprachlos.
Nicht so sein Vater Hubertus, dem nach jahrelanger Gängelung durch seine Mutter endlich der Kragen platzt, als sie ihm von ihren Sanierungsplänen für das Haus berichtet. Pläne, deren Vollendung sie selbst wohl nicht mehr erleben wird, und die vor allem ihre Nachkommen mit einem erheblichen Berg Schulden zurücklassen. Doch Hubertus große Abrechnung quittiert die alte Dame lediglich mit den Worten: „Du bist eine Enttäuschung!“
Bleibt da noch der Mieter in der rechten Wohnung, ein Diplomingenieur. Jens Kellermann ist so unauffällig, dass die beiden „l“ in seinem Nachnamen für „besonders lautlos“ stehen. Er fällt nur dadurch auf, dass er sich bei seiner Vermieterin Klara Häberle beschwert. Zuerst über die nicht erledigte Kehrwoche, dann über die schlecht funktionierende Heizung und schließlich über den Lärm durch die Baumaßnahmen. Seine Lebensqualität wird dadurch so stark beeinträchtigt, dass er sich ganz in seiner Wohnung einmauert. Die anderen Bewohner wundern sich über sein Verschwinden jedoch nur kurz.

Die Anonymität der Großstadt kommt an mehreren Stellen besonders gut zur Geltung. Zum einen in dem Tanz der Sportgruppe der Mädchen der Klasse 10 unter der Leitung von Nadine Dittkowski. Die Gruppe hatte zum dem Lied „Mad World“ einen Tanz einstudiert, der das einsame Leben und die Gleichgültigkeit mancher Menschen eindrücklich zum Ausdruck brachte.
Zum anderen zeigte die Schauspielgruppe mithilfe von Kurt Tucholskys Gedicht „Augen in der Großstadt“ in typischen Großstadtszenen auf der Straße, an der Haltestelle, im Gedränge die Suche der Menschen nach ihrem Glück in einer anonymen Welt.
Erneut ist es der Mittel- und Oberstufen-Theater-AG hervorragend gelungen, das Publikum in der voll besetzten Aula in ihren Bann zu ziehen. Sowohl das nuancenreiche Spiel als auch die einfallsreiche Dramaturgie bescherten kurzweilige Unterhaltung mit Tiefgang. Salfana Koshaba (J2) mimte Klara Häberle mit der notwendigen Cleverness, ließ aber auch ihre dunkle Seite sowie ihre Ängste in der bezaubernden Szene mit dem Banker Kleinmüller (herrlich komisch: Florian Schmidt) durchscheinen. Klaras Gegenspieler Hubertus wurde von Mathis Lochner (J1) überzeugend dargestellt und er begeisterte in der Szene, in der er sich gegen seine übermächtige Mutter aufzulehnen versucht. Hubertus’ Frau Birgit verkörperte Elissa Eggenweiler (J2) mit der zum Charakter passenden Zurückhaltung.
Energisch hingegen trat Nilgül Turhan (J2) in der Rolle der Ariana Syrano auf. Sie schleuderte das Küchenhandtuch vor Wut und lieferte sich auf einem Stuhl stehend mit ihrer Tochter Sibel (sehr wandlungsfähig: Lisa Glenk, J2) ein heftiges Wortgefecht. Betont lässig gab sich dagegen Fabian Halfar (J1) als Cem Syrano.
Daniel Schmitt (J2) verlieh seinem Julian Häberle Feinfühligkeit, Verletzlichkeit, aber auch ganz viel Liebe.
Den Außenseiter Jens Kellermann spielte Hai Nguyen (J1) mal ernst, mal zornig, mal einsam, aber immer spießig-korrekt.
Unter der Regie von David Götz und Martina Tuda entwickelte die Gruppe der Oberstufenschüler das Theaterstück selbst und feilte monatelang an einzelnen Szenen.
Das begeisterte Publikum belohnte die Schauspielerinnen und Schauspieler mit einem lang anhaltenden Applaus.
Eingebettet war das Theaterstück in die erste Kunst- und Kulturnacht am Elly. Die Abiturienten boten Cocktails und Getränke in der White-Bar-Lounge an, das Keniareferat hielt afrikanische Spezialitäten für die Gäste bereit. Der Erlös dieses Verkaufs geht an unsere Partnerschule in Kenia. In der gesamten Aula waren die Werke der Schülerinnen und Schüler ausgestellt, die sich im Kunstunterricht mit dem Thema urbane Kunst und Architektur befasst hatten. So waren zum Beispiel Architekturmodelle des Neigungskurses J1 zu bewundern, die Ideen des japanischen Stadtarchitekten Tadao Ando aufgriffen.
Eltern, Schüler, Lehrer und Gäste waren sich einig – die erste Kunst- und Kulturnacht am Elly war mit Sicherheit nicht die letzte.
Marion Frey